von Susann Scharrer

Es ist schon ein spannendes Unterfangen, wenn fast das gesamte hauptamtliche Team unseres Vereins zusammen nach Tansania reist. Für mich ist der Besuch Ende April 2022 der zweite im Ursprungsland unseres fair gehandelten Kaffees. Ich bin aufgeregt und voller Erwartung, als wir endlich am kleinen Flughafen in Songea eintreffen. Wie werden Land und Leute diesmal auf mich wirken? Bei meinem Erstbesuch 2018 (zum ersten Mal in Afrika) war ich von all den Eindrücken so überwältigt, dass ich vieles gar nicht richtig aufnehmen konnte.

Wunderschöne Landschaft in der Region Ruvuma

Wunderschöne Landschaft in der Region Ruvuma

Wir werden herzlich empfangen von unserem WÜPAKA Projektkoordinator vor Ort, Father Lukas Komba. Fr. Lukas ist Pfarrer einer Landgemeide und Leiter des Ausbildungszentrums der Diözese Mbinga. Er hat mehrere Jahre in Deutschland gearbeitet und spricht nicht nur unsere Sprache, er versteht auch wie wir Deutschen „ticken“. Deshalb ist er ein unverzichtbarer Vermittler zwischen unseren beiden Kulturen. Er wird uns unseren ganzen Besuch über begleiten, uns vieles erklären und übersetzen, denn viele Menschen im touristisch kaum erschlossenen Süden sprechen kein Englisch.

Susann, Lukas, Jochen und Franziska in Songea

Susann, Lukas, Jochen und Franziska in Songea

Licht und Seife

Gleich am ersten Nachmittag treffen wir eine Frauengruppe in Mbinga. Die „Nuru Group“ besteht aus zehn Frauen verschiedenen Alters, die sich als Kleinunternehmerinnen zusammengeschlossen haben. „Nuru“ bedeutet „Licht“ - und genau das möchten sie sein, ein Licht, das inspirieren und junge Frauen aus der Arbeitslosigkeit holen soll. Wir treffen uns in einem wunderschönen Garten, in dem Papayas wachsen und werden mit großer Freude empfangen.

Unser Team mit der Nuru Group. Upendo vorne links im braunen Kleid.

Upendo Mapunda ist die Vorsitzende der Gruppe. Sie erzählt, dass sie gemeinsam eine Fortbildung zur Seifenherstellung gemacht und nun eine Maschine bestellt haben. Die Seifen werden als lange Stangen vor Ort verkauft. Ebenso rösten sie Erdnüsse und verkaufen sie. Die Erdnüsse schmecken so lecker, dass wir kaum aufhören können, zu naschen. Ich finde die Frauen große klasse. Sie sind herzlich, lustig und total aufgeschlossen. Getroffen haben wir uns mit der Nuru Group, weil uns Frauenförderung besonders wichtig ist. Upendo hat bei uns einen Projektantrag eingereicht und wir werden sehen, wie wir die Gruppe dabei unterstützen können, sich eine Existenz aufzubauen.

Seife und Erdnüsse aus der Produktion der Nuru Group

Seife und Erdnüsse aus der Produktion der Nuru Group

Klärende Gespräche mit der Partnerkooperative

Am nächsten Tag wird es so richtig spannend. Wir fahren über holprige Straßen ins kleine Dorf Mahenge. Es ist Ende der Regenzeit und deshalb an manchen Stellen etwas abenteuerlich, wenn es tiefe Löcher in der roten Erde gibt oder das Auto sich festfährt. Auch diesmal bin ich wieder verzaubert von der atemberaubend schönen Landschaft im Hochland. Um diese Jahreszeit ist alles grün, überall blühen Sträucher.
Wir kommen wohlbehalten an und treffen uns mit dem Management Team der Kooperative Mahenge Amcos. Etwas außerhalb des Dorfes liegt die CPU (Kaffeeverarbeitungsanlage) mit ihren vielen Trockennetzen und einem Versammlungsraum. Es ist einfach nur schön, wieder hier zu sein.

Unser Team mit dem Mahenge Amcos Management Team

Unser Team mit Fr. Lukas und dem Mahenge Amcos Management Team

Es gibt viel zu besprechen in dieser Sitzung. Seit 2013 beziehen wir Kaffee von Mahenge Amcos. Auch wenn wir uns lange kennen, ist die Kommunikation nicht immer einfach. Das liegt nicht allein an Sprachbarrieren. Es fällt unseren Partner:innen schwer, Probleme offen anzusprechen. So konnte zum Beispiel die Sekundarschule, die Mahenge Amcos gebaut hat, nicht wie geplant Anfang diesen Jahres eröffnen. Im Gespräch wird klar, es liegt nicht allein an der fehlenden Starterlaubnis der Regierung. Die Gebäude stehen, doch nichts ist eingerichtet und aktuell keinerlei Geld dafür übrig.
Einmal mehr wird deutlich, wie wichtig der Kooperative unsere Partnerschaft ist und wie groß die Sorge, diese zu verlieren. Wir tun alles, um diese Ängste zu zerstreuen.
Als es um die Preisverhandlungen für die diesjährige Ernte geht, wird lebhaft über Modalitäten diskutiert. Schnell werden wir uns über einen Preis einig, mit dem die Kleinproduzent:innen super zufrieden sind. Besonders freuen sie sich, dass wir nach den Pandemiejahren endlich wieder mehr Kaffee einkaufen können.

Straßenschäden aus der Regenzeit am Ortseingang von Mahenge

Straßenschäden aus der Regenzeit am Ortseingang von Mahenge

Nach getaner Arbeit schlendern wir gemeinsam an Kaffeefeldern vorbei ins Dorf Mahenge. Besonders freue ich mich, Elizabeth Kinunda zu Hause zu besuchen. Wir haben euch Elizabeth bereits vorgestellt. Sie ist die erste Frau im Vorstand der Kooperative.

Jochen überreicht Elizabeth unser Gastgeschenk

Jochen überreicht Elizabeth unser Gastgeschenk. Josephat übersetzt.

Platzt der Traum von der eigenen Schule?

Am Folgetag treffen wir uns mit dem Vorstand von Mahenge Amcos, um die Sekundarschule zu besichtigen. Sie ist nahe der Stadt Mbinga gelegen, mitten in einem Waldstück. Eine schöne und ruhige Umgebung, um zu lernen. Ich bin schwer beeindruckt, was die Kooperative mit dem Bau geleistet hat. Man zeigt uns die gerade fertiggestellten Toilettenhäuschen für Jungen und Mädchen, wie wir gesponsert haben.

Solider Bau - die Toilettenhäuschen sind fertig

Solider Bau - die Toilettenhäuschen sind fertig

Dennoch sind die meisten Gebäude noch im Rohbau. Nichts ist verputzt oder eingerichtet. Damit die Schule 2023 an den Start gehen kann, ist ein echter Kraftakt – und eine große Finanzierungshilfe nötig.

Wir besichtigen den Rohbau der Schule

Wir besichtigen den Rohbau der Schule

Die Vorstandsmitglieder erzählen uns, dass sie zunächst mit zwei Klassen starten möchten. Ein guter Plan, denn so können sie die anderen Gebäude nach und nach fertigstellen. Da sie Schulgeld verlangen werden, hoffen sie, dass sich die Einrichtung einmal selbst tragen kann. Eines von Elizabeths Kindern ist im richtigen Alter, um bald auf die weiterführende Schule zu gehen, erzählt sie mir.

Gruppenbild vor der Sekundarschule

Gruppenbild vor der Sekundarschule.

Wir verlassen unsere Partnerkooperative in nachdenklicher Stimmung. Mahenge Amcos hat durch harte Arbeit, fairen Handel und mit unserer Unterstützung schon unglaublich viel erreicht. Es wäre schade, wenn der Schulstart sich um ein weiteres Jahr verzögern würde.

Ein schöner Ort für ein Krankenhaus

Eine weitere Station unserer Teamreise ist das nahe bei Mahenge gelegene Krankenhaus Litembo. Geschäftsführer Father Raphael Ndunguru führt uns herum und erzählt, dass der Krankenversicherungsfonds, den wir vor Jahren für die Kleinbauernfamilien gestartet haben, nach wie vor prima funktioniert. Mittlerweile gibt es zwar auch eine staatliche Krankenversicherung, doch diese ist weitaus teurer und für viele unerschwinglich.
Das Krankenhaus ist landschaftlich wunderschön auf einer Anhöhe gelegen. Fr. Raphael zeigt uns die neu gebaute Labor- und Krankenpflegeschule, die mit Glück diesen Herbst eröffnet werden kann. Als ich zuletzt hier war, stand nur ein Bruchteil der Gebäude.

Litembo Laborschule

Jochen, Susann, Fr. Raphael und Franziska vor der Laborschule.

Vor unseren Augen werden Möbel gezimmert. Wir haben für die Schule einen Wassertank mit unserer Projektförderung gesponsert. Fr. Raphaels Hoffnung ist es, durch die Schule gut ausgebildetes Personal für sein Krankenhaus zu finden. In dieser abgelegenen Gegend ist dies nämlich nicht gerade leicht.

Ein Land der Teetrinker:innen

Gegen Ende unserer Zeit in Mbinga lässt unser Kontaktmann David Haule in der Kaffeefabrik etwas Kaffee frisch für uns rösten. Man hat dort eine kleine Rösttrommel angeschafft. In Großstädten wie Dar es Salaam entsteht ganz zaghaft langsam eine Kaffeekultur. Traditionell trinkt man in Tansania allerdings Tee – und Kaffee nur in der wenig schmackhaften Instantversion. Wir träumen von einem in Tansania gerösteten Kaffee für unser Sortiment, doch der Weg dorthin ist noch weit.

Röstmaschine

Kaffeeröstmaschine in der Kaffeefabrik

In acht Tagen haben wir viel erlebt, gelernt und gesehen. Wir sind verliebt in dieses wunderschöne Land mit seinen freundlichen, mal ernsten, mal fröhlichen Menschen. Man merkt, es bewegt sich was in Tansania. Doch es braucht viel, viel Geduld, bis in der breiten Gesellschaft nachhaltige Lebensverbesserungen eintreten. Der Faire Handel wird seine Daseinsberechtigung noch lange behalten. Fr. Lukas zitiert den schönen afrikanischen Spruch: „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit.“

Wunderbare Weite der Landschaft

Wunderbare Weite der Landschaft

Asante sana, Tansania – vielen Dank und hoffentlich bis bald!